Fesseln allein reichte Dennis Rader nicht, er quälte und ermordete seine Opfer. Und er teilte der Öffentlichkeit mit: Er war der BTK-Killer. Trotzdem brauchte es am Ende über 30 Jahre, um ihn dingfest zu machen.
Im Januar 1974 entsetzte ein Verbrechen die Einwohner der Stadt Wichita im US-Bundesstaat Kansas. Vier Mitglieder einer siebenköpfigen Familie wurden erdrosselt und erstickt aufgefunden, die Eltern und zwei ihrer Kinder, der neunjährige Sohn und die elfjährige Tochter. Die drei älteren Kinder fanden die Toten, als sie von der Schule nach Hause kamen. Den Beamten bot sich ein Bild des Grauens. Wer war zu solch einer Tat fähig?
Es sollte 31 Jahre und weitere sechs Morde dauern, bis Dennis Rader 2005 als Mörder überführt wurde. Dabei meldete er sich etwa ein halbes Jahr nach der Tat selbst in der Öffentlichkeit zu Wort und tippte einen anonymen Brief, den er an die Tageszeitung "The Wichita Eagle" schickte.
Der Grund war einfach: Eitelkeit. Denn für den Mord an der Otero-Familie waren zuvor fälschlicherweise andere Männer verhaftet worden, was Rader nicht so stehen lassen wollte. In dem Brief nahm er detailliert Stellung zu seiner Tat und listete akribisch auf, wie und warum er wen gefesselt und letztendlich umgebracht hatte. Am Ende gab er sich den Namen "BTK", die ersten Buchstaben der englischen Wörter "Bind, Torture, Kill" – übersetzt: Fesseln, Foltern, Töten. Ein aktueller Dokumentarfilm auf Netflix beleuchtet die Hintergründe seiner Taten, dargestellt aus der Sicht seiner Tochter Kerri Rawson: "Mein Vater, der BTK-Killer".
Der BTK-Killer ist gefasst – die Stadt jubelt, die Familie ist verzweifelt
Für Kerri, ihre Mutter und ihren Bruder brach damals im Jahr 2005 die Welt zusammen. Denn während die ganze Stadt nach der Festnahme des BTK-Killers jubelte, musste die Familie damit klarkommen, dass der Serienkiller, der die Stadt seit über 30 Jahren in Angst und Schrecken versetzt hatte, in ihren eigenen Wänden zu finden gewesen war. Seine Frau ließ sich noch im selben Jahr scheiden.
Auch die Einwohner von Wichita und dem zehn Autominuten entfernten Vorort Park City, wo Dennis Rader seit Beginn der 1970er-Jahre mit seiner Familie wohnte, waren nach dem ersten Jubel zutiefst geschockt. Denn Rader hatte seit Jahrzehnten seine sexuellen, sadistischen Neigungen gut verstecken können, obwohl er mitten unter ihnen lebte: Er war aktiv in seiner Kirchengemeinde und kurz vor seiner Verhaftung sogar zum Kirchenpräsidenten gewählt worden. Außerdem war er Leiter einer Pfadfindergruppe.
Rader galt als höflich und gut erzogen, "ein Gentleman", wie ihn eine Nachbarin bei "ABC News" beschrieb. Er hatte einen College-Abschluss in Elektrotechnik und einen Bachelor an der Wichita State University in Naturwissenschaften gemacht, mit Schwerpunkt Rechtspflege. Nach Stationen bei einem Outdoor-Anbieter und einem Sicherheitsdienst, der sich unter anderem um die Installation von Alarmanlagen an Häusern kümmerte, war er die letzten Jahre als Hundefänger und beim Ordnungsamt angestellt.
Aber nicht alle waren von ihm angetan: Nachbarn erzählten später, dass er die Anwohner mit seinem Ordnungswahn teilweise terrorisiert hat, indem er laut "NBC News" beispielsweise mit dem Maßband prüfte, ob der Rasen zu lang war. Einen Hund erschoss er vor den Augen seiner Besitzer. Trotzdem konnte sich niemand vorstellen, dass er der gesuchte BTK-Killer war.
Die Mordserie in den 1970er-Jahren – und der Hunger nach Aufmerksamkeit
Nach außen zeigte er sich als netter Nachbar und normaler Familienvater, der mit seiner Tochter am Wochenende wandern ging und das Gemüsebeet pflegte. Doch das war nur Fassade. Nach den Morden an der Otero-Familie tötete er in den 1970er-Jahren drei weitere Frauen. Dabei ging er immer ähnlich vor: Er wählte sich eine Frau als Opfer aus, stalkte sie teilweise über Wochen hinweg, brach dann in ihr Haus ein, überwältigte und fesselte sie, um sie letztendlich zu Tode zu würgen. Am Ende nahm er ein Andenken von jedem Tatort mit. So erging es im April 1974 der 21-jährigen Kathryn Bright, die Rader wie Joseph Otero von seiner Arbeit bei der Outdoor-Firma kannte. Danach kehrte kurz Ruhe ein, sein Sohn wurde 1975 geboren. Doch schon 1977 ging es mit den Morden an Shirley Vian (26) und Nancy Fox (25) weiter.
Aber zufrieden war Dennis Rader mit dem Resultat nicht: Nach seinem Geschmack wurde über ihn als Serienmörder zu wenig berichtet. Also schrieb er im Februar 1978 wieder einen Brief, dieses Mal an den örtlichen Fernsehsender Kake TV. Darin bekannte er sich stolz zu den drei weiteren Morden, seine Entrüstung konnte er aber kaum verstecken: "Wie viele muss ich töten, bevor mein Name in der Zeitung steht oder ich landesweite Aufmerksamkeit erfahre?" Immerhin konnten die Ermittler die Spuren zur Uni-Bibliothek zurückverfolgen, an der Rader gerade seinen Bachelor machte. Doch weiter kamen sie nicht – er blieb ein Phantom. Und das für viele Jahre.
Zwar meldete er sich 1979 noch einmal, als er nach dem gescheiterten Mordversuch an Anna Williams (63) auch diese Tat als seine verzeichnete und damit prahlte. Aber ansonsten blieb es dieses Mal sehr lange still. Seine Tochter Kerri hat dazu eine Vermutung, wie sie in der Netflix-Doku erzählt: ihre Geburt im Jahr 1978. Ein Familienleben mit Frau und zwei Kindern erforderte offenbar seine ganze Energie. Die Öffentlichkeit sollte erst wieder 2004 von ihm hören.
Späte Briefe und gekränkter Stolz
Doch untätig blieb er in diesem Zeitraum nicht. Schon wenige Jahre nach der Geburt seiner Tochter ließ er seinen Neigungen wieder freien Lauf: 1985 tötete er Marine Hedge (53), die im selben Wohnblock wie er lebte und die er verstörenderweise nachts aus einem Versteck in ihrem Kleiderschrank heraus angriff. Ihre Leiche schaffte er anschließend zur Kirche und machte dort Fotos in für ihn aufreizenden Posen. Ein Jahr später brachte er die 28-jährige Vicki Wegerle um, indem er sich als Telekommunikationsmitarbeiter tarnte und sich so dem arglosen Opfer näherte. Sein offiziell letztes Opfer war 1991 die 62-jährige Dolores Davis, deren Leiche einige Tage später unter einer Brücke gefunden wurde.
Alle drei Mordfälle galten als Cold Cases, ungeklärte Mordfälle, und wurden nicht mit dem BTK-Killer in Verbindung gebracht, bis im Januar 2004 ein Artikel im "Wichita Eagle" erschien. Darin wurde an die Otero-Familie erinnert, die genau vor 30 Jahren ermordet worden war und die Mordserie des BTK-Killers einleitete, auf dessen Konto zu der Zeit offiziell sieben Morde von 1974 bis 1978 gingen.
Der Artikel ließ Dennis Rader aufhorchen. So konnte er das nicht stehen lassen: Es waren ja nicht sieben, sondern zehn Morde. Also meldete er sich zwei Monate später wieder aus seiner jahrzehntelangen Versenkung und schickte dem Fernsehsender Kake TV einen Brief mit der Kopie von Vicki Wegerle's Führerschein. "Ich war gelangweilt", erklärte Rader später in einem Interview mit dem "Wichita Eagle". Eigentlich hatte er sich zur Ruhe gesetzt, auch körperlich hätte er einen Angriff nicht mehr geschafft, ergänzte er. Aber in ein falsches Licht gesetzt zu werden, das wollte er auf seine alten Tage nicht.
Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Killer und der Polizei
Nach dem ersten Brief im März 2004 entspann sich ein perfides Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei und den Medien, in deren Verlauf Rader nach und nach seine Andenken preisgab. Er fühlte sich gehört und sogar verstanden, gestand er in dem Interview. Ein fataler Fehler – denn während er Vertrauen aufbaute, stellten die Ermittler ihm eine Falle: Als er ihnen im Februar 2005 eine Diskette mit weiterem Material zukommen lassen und zuvor sichergehen wollte, dass diese nicht zurückzuverfolgen sei, beruhigten ihn die Beamten: Das sei nicht möglich. Eine Lüge.
Innerhalb von wenigen Tagen gelang ihnen, was 31 Jahre lang ein unlösbares Rätsel gewesen war – der BTK-Killer wurde enttarnt, es war der damals 60-jährige Dennis Rader. Bei seiner Vernehmung und später vor Gericht gab er laut "CNN" sachlich und detailliert Auskunft über jede einzelne Tat – über seine Motivation, über die Probleme, die auftraten und die er lösen musste, über die Psyche seines Serienkiller-Ichs. Die Menschen waren entsetzt. Dennis Rader bekam zehnmal lebenslänglich und sitzt derzeit als heute 80-Jähriger im Hochsicherheitsgefängnis El Dorado Correctional Facility (EDCF) in Kansas seine Strafe ab.
Empfehlungen der Redaktion
Seine Tochter Kerri hat lange an ihrer Liebe zu ihrem Vater festgehalten. 2019 veröffentlichte sie über dieses widersprüchliche Gefühl ein Buch mit dem Titel "A Serial Kiler's Daughter". Doch nach einem Besuch 2023 brach ihre Welt ein weiteres Mal zusammen: Denn bei ihrer Arbeit als Beraterin der Polizei, mit der zusammen sie nach weiteren Opfern suchte, stießen die Ermittler auf Hinterlassenschaften ihres Vaters, die mit "Kerri" bezeichnet waren.
Hatte ihr Vater sie als Kleinkind missbraucht? Das hätte ihre unerklärliche Angst vor dem "Bösen Mann" in der Nacht erklärt, die sie als Kind umtrieb, beschreibt sie in der Doku ihren Blick in den Abgrund. Damit konfrontiert, zeigte sich ihr Vater bei dem Besuch abgeklärt, hochmütig und kalt. Da habe sie das Monster erkannt, erklärt sie bei Netflix.
Verwendete Quellen
- netflix.com: Mein Vater, der BTK-Killer
- abcnews.go.com: Neighbor: I watched BTK Suspect Shoot Dog
- nbcnews.com: Neighbors paint mixed picture of BTK suspect
- kansas.com: 'Bored', Rader decided to Resurface
- cnn.com: Rader details how he killed 10 people