Die Netflix-Serie "Monster" rollt den Fall Ed Gein auf – es ist nicht das erste Mal, dass Gein Gegenstand einer Film-Produktion wurde. Wer war der Mann, der zur grausigen Vorlage für Hollywoods berüchtigtste Killer wurde?

Norman Bates in "Psycho", Leatherface in "The Texas Chainsaw Massacre" oder Buffalo Bill und Hannibal Lecter in "Das Schweigen der Lämmer": Sie gehören zu den legendärsten Serienkillern der Filmgeschichte. Doch was die Regisseure Alfred Hitchcock, Tobe Hooper und Jonathan Demme einst auf die Leinwand brachten, war nicht bloß Fiktion. Sie alle schöpften aus einer realen Quelle: Ed Gein, der "Schlächter von Plainfield".

Edward Theodore Gein, geboren 1906 im US-Bundesstaat Wisconsin, kannte man in seinem Heimatort Plainfield als eigenbrötlerischen Hilfsarbeiter. "Weird Old Eddie" nannten sie ihn laut dem Podcast "Serienkiller". Er galt als seltsam, aber harmlos. Bis zu seiner Verhaftung 1957 ahnte niemand, welch unvorstellbarer Abgrund sich hinter dem hageren Gesicht dieses Mannes verbarg.

Zwei Frauen ermordete Ed Gein und schändete die Leichen von mindestens acht weiteren. Das größte Grauen steckt jedoch in den Details seiner Taten: Aus den menschlichen Überresten fertigte Gein makabre Gebrauchsgegenstände wie Lampenschirme und Kleidungsstücke. Seine Taten sind längst Teil der US-amerikanischen Pop-Kultur und lösen bei den einen Abscheu, bei den anderen eine morbide Faszination aus. Doch wer war dieser Mann?

Ed Geins Jugend: Isolation und religiöser Fanatismus

Ed Geins Kindheit war geprägt von Isolation und religiösem Fanatismus. Er wuchs auf einer heruntergekommenen Farm ohne Strom und fließendes Wasser einige Kilometer außerhalb von Plainfield, Wisconsin, auf. Die Ehe seiner Eltern war alles andere als glücklich: Sein Vater George war alkoholkrank und gewalttätig, seine Mutter Augusta eine herrschsüchtige, strenggläubige Protestantin. Geschrei und Schläge waren Alltag im Hause Gein.

Wenn sich Ed in der Schule mit Kindern anfreundete, wurde er bestraft. Und so mied Ed Gein den Kontakt zu anderen – insbesondere zum anderen Geschlecht. Denn Augusta hielt Sexualität für einen Fluch der Menschheit und Frauen für Werkzeuge des Teufels. Unablässig predigte sie von Sünde und Verdammnis und soll vor den Augen ihrer Söhne – Ed hatte einen älteren Bruder namens Henry – sogar für den Tod ihres Mannes gebetet haben. Dieser starb 1940 an Herzversagen.

Spekulationen um den Tod von Ed Geins Bruder

Ed verehrte seine Mutter trotz ihrer Härte und der Misshandlungen wie eine Heilige – und fürchtete sie gleichermaßen. Sein älterer Bruder Henry sah Augusta kritischer: Er wollte sich von der Kontrolle der Mutter befreien und eine geschiedene, alleinerziehende Frau heiraten. Doch dazu kam es nicht: Henry starb 1944 im Alter von nur 43 Jahren unter mysteriösen Umständen.

Beim Versuch, Unkraut zu verbrennen, geriet das Feuer außer Kontrolle. Nachdem die Feuerwehr bereits abgerückt war, meldete Ed seinen Bruder als vermisst. Ein Suchtrupp fand ihn schließlich – tot. Der Gerichtsmediziner notierte als Todesursache "Ersticken" – doch woher die Blutergüsse am Kopf des Leichnams stammten, wurde nie geklärt. Tötete Ed Gein seinen abtrünnigen Bruder aus Liebe zur Mutter? Das bleibt Spekulation. Doch der Verdacht begleitet seine Geschichte bis heute.

Ed Gein allein auf der Farm

Nach dem Tod des Vaters und seines Bruders blieb Ed mit seiner Mutter allein zurück. Er kümmerte sich rührend um sie, als sie nach Henrys Tod einen Schlaganfall erlitt. Den zweiten überlebte sie 1945 nicht. Mit dem Tod seiner Mutter brach für Gein eine Welt zusammen: Er, inzwischen 39 Jahre alt, war nun völlig isoliert.

Gein vernagelte laut "Northeastern Global News" alle Räume, in denen sich seine Mutter ständig aufgehalten hatte. Diese Zimmer blieben in makellosem Zustand - während der Rest der Farm in Dreck und Rost versank.

Gein fand Arbeit in einer Dreschkolonne auf benachbarten Feldern. Nach getaner Arbeit vertiefte er sich in Anatomiebücher, Schundhefte über Kannibalismus in der Südsee und Artikel über Ilse Koch, die sogenannte "Hexe von Buchenwald" – die einzige Frau, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Zusammenhang mit NS-Verbrechen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Ob diese Lektüre seine Fantasien befeuerte oder nur Ausdruck seiner Obsession war, lässt sich heute schwer beurteilen. Sicher ist nur: Ed Gein begann, in den folgenden Jahren regelmäßig den Friedhof zu besuchen – erst als trauernder Sohn, dann als Grabschänder.

Der Mord an Bernice Worden

Als am 16. November 1957 Bernice Worden aus ihrem Eisenwarenladen verschwand, geriet Ed Gein laut "Welt" schnell ins Fadenkreuz der Polizei: Die letzte Quittung, die Worden ausgestellt hatte, lautete auf seinen Namen. Der mittlerweile 51-Jährige wurde daraufhin verhaftet – und schwieg. Doch der Albtraum, den die Ermittler auf seiner Farm vorfanden, sprach für sich: Köpfe, Körperteile – und Gebrauchsgegenstände aus menschlichen Überresten. Und in einem Schuppen: Die kopflose Leiche der vermissten Ladenbesitzerin.

Gein gestand daraufhin, Bernice Worden getötet zu haben – aus Versehen, wie er sagte. Die Ermittler fanden auch Überreste der seit drei Jahren vermissten Barbesitzerin Mary Hogan. Gein gestand auch diesen Mord. Hogan war mutmaßlich sein erstes Opfer - doch viele der Leichenteile konnte die Polizei nicht zuordnen. Gein bestand darauf, nur zwei Morde begangen zu haben. Die übrigen Leichen? Habe er auf Friedhöfen ausgegraben.

Zwei Exhumierungen räumten Zweifel an dieser Behauptung aus: Die von Gein genannten Särge waren tatsächlich leer. Insgesamt acht Gräber soll Gein geschändet haben – allesamt von Frauen mittleren Alters, die seiner Mutter Augusta ähnelten. Ob Gein für weitere Vermisstenfälle in der Region verantwortlich war, wurde nie geklärt.

Was war Geins Motiv?

Doch was genau motivierte Gein zu diesen unfassbaren Taten? Diese Frage beschäftigte nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Fachwelt. Nach seiner Festnahme im November 1957 wurde Gein immer wieder untersucht. Psychiater diagnostizierten bei ihm Schizophrenie und sexuelle Psychopathie und sahen Anzeichen von Kannibalismus und Nekrophilie. Gein selbst bestritt jedoch zeitlebens, sich an den Toten sexuell vergangen oder Teile von ihnen gegessen zu haben.

Fest steht jedoch, dass Gein auf Frauenkörper aus war, die seiner Mutter ähnelten – ein makabrer Versuch, den Verlust zu kompensieren. Aus Sicht des Psychiaters Milton Millers war Augusta Gein ein wesentlicher Motivator für die Verbrechen: "Seine Taten waren das Ergebnis gespaltener Bewusstseinsebenen", zitiert ihn der Podcast "Serienkiller". "Auf bewusster Ebene war seine Mutter so ein guter Mensch, wie man nur sein konnte. Den Hass, den er ihr gegenüber empfand, weil sie ihn misshandelt hatte, wurde auf Frauen geschoben, die ihn an seine Mutter erinnerten – sowohl äußerlich als auch situativ."

Auch Gein sagte später zu einem Staatsanwalt: "Ich gebe meiner Mutter die Schuld an all meinen Problemen."

Ed Gein vor Gericht: Schuldig – aber schuldunfähig

Am 22. November 1957 wurde Gein wegen Mordes ersten Grades an Bernice Worden angeklagt. Um Steuergelder zu sparen, konzentrierte man sich auf diesen Mord – jede einzelne Tat Geins zu untersuchen, konnte sich das zuständige County Waushara nicht leisten.

Ed Gein plädierte auf "nicht schuldig aufgrund von Geisteskrankheit". Nachdem auch zwei psychologische Gutachten Gein als unzurechnungsfähig eingestuft hatten, wurde er zunächst auf unbestimmte Zeit ins Central State Hospital for the Criminally Insane in Waupun eingewiesen.

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Erst elf Jahre später, 1968, erklärte man Gein für prozessfähig. Man stellte ihn erneut vor Gericht. Zunächst sollte über seine Schuld am Tod von Bernice Worden geurteilt werden, dann über seine Zurechnungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Tat. So befand man Gein binnen weniger Stunden für den Mord ersten Grades schuldig – und erklärte ihn direkt im Anschluss für schuldunfähig.

Gein kehrte in die forensische Psychiatrie zurück. Dort verbrachte er den Rest seines Lebens. Am 26. Juli 1984 starb Edward Theodore Gein an Leber- und Atemversagen infolge einer Krebserkrankung. Er wurde 77 Jahre alt. Man begrub ihn anonym auf dem Plainfield Cemetery – ganz in der Nähe seiner Mutter Augusta.

Verwendete Quellen